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19 Jul, 2011

[Soundfound #3] Picknick mit Frau Heidi

Posted by: Redaktion In: Soundfound

Wir müssen noch mal über die Bagpipes sprechen. Paddy Keenan hat schnelle Finger. Der Jimi Hendrix des Dudelsacks. Den Blasebalk unter den Arm geklemmt, pumpt er die Luft ganz unauffällig in die klangmächtigen Pfeifen. Und dann laufe ich des Nachts durch die Straßen von St. John´s und stoppe für ein Killkenny in Erin´s Pub. An die Bar gelehnt finde ich diesen virtuosen Bagpipe-Meister. Den Hut über die langen, zotteligen, weichen Haare gestülpt.

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Aber zurück von der irischen Musik zum neufundländischen Folk. Folk ist ganz leicht anzutreffen in St. John´s. Zweifelsohne ein Tourismusfaktor, ein ernst gemeinter, mit echter Überzeugung, gebunden an ein tief empfundenes Gefühl von Heimat. Die Leute sind hier sehr patriotisch, erklärt mir ein Mann auf der Straße, aber in einer guten Art und Weise, fügt er hinzu. Symbol und Ausdruck dessen ist vielleicht auch, dass Reiseleiter in den Ausflugsbussen für ihre Gäste singen: neufundländische Folksongs.

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Hand aufs Herz. Die Neufundländer haben noch Pioniergeist und er klingt in ihren Liedern.

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So klingen sie, die stürmischen Wasser vom neufundländischen Kanada. Umgeben von niedrigen Nadelbäumen. Voll frischem, hellem Grün. Windschief. Geschoren. Auf felsigem Grund. Lassen Sie sich die Worte auf der Zunge zergehen: Moose, Ocean, Quidi Vidi und – Dan Moi: Die vietnamesische Maultrommel erkundet dank Tran Quang Hai die Insel. Dass man sehr wohl zum Rhythmus der Maultrommel Hip Hop tanzen kann, beweist die Milky Way Crew.

Der Mann, der es versteht das Alphorn mit dem stärksten Ausdruck und einer ausgezeichneten Technik zu spielen, kommt nicht etwa aus der Schweiz, sondern aus Kanada. Wer das nicht glaubt, sollte Charlotte Vignau’s demnächst erscheinenden Film über das Alphorn anschauen. Dort setzen Koryphäen der Schweizer Musikszene dem Kanadier William Hopson die Alphornkönigskrone auf. Die Musikwissenschaftlerin Charlotte Vignau hat das Alphorn in den unterschiedlichsten Umgebungen studiert:

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William Hopson spielt das Alphorn Solo “D’r Meiringer” [hier].

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Mehr Musik, so scheint es, geht dieser Tage nicht rein in die Stadt St. John´s auf Neufundland. Ein Musikfestival jagt das nächste und parallel dazu findet die Konferenz des International Council of Traditional Music statt. Etwa 400 MusikethnologInnen diskutieren sieben Tage lang ihre Forschungsprojekte. Hinzu kommen mehrere Workshops und Konzerte im Rahmen des SOUNDshift Festivals. Zu Gast u.a. das “African Music and Dance Project” aus Südafrika unter Leitung von Ikusasa Lethu:

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Diese Zulu-Musik wurde vom südafrikanischen “African Music and Dance Project” auf dem Campus der Memorial University of Newfoundland gespielt. Die Universität von St. John´s ist noch keine 90 Jahre alt und oberflächlich betrachtet ist auch nichts weiter dran an ihr. Wäre da nicht der unterirdische Pfad …

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In den 80er Jahren war Breakdance ungestüm, fast schon subversiv-spontan. Heute ist Breakdance längst nicht mehr nur “street”. Breakdance kann man mit einem Lehrer lernen und breakdance gibts inzwischen auch auf der Bühne. Auf der Konferenz des International Council of Traditional Music sprach die Kanadierin Lys Stevens über Transformationsprozesse im B-boying.

Auf der Konferenz wurde auch gefragt: Können Tiere musizieren? Marcello Sorce [sprich: Sortsche] Keller von der Universität Malta appellierte in seinem Vortrag daran, ein weiteres Kapitel in der Musikwissenschaft aufzuschlagen: die Zoomusicology. Ich habe ihn gefragt, was Zoomusikologie eigentlich ist und welchen Fragen sie nachgeht.

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[Anregungen den Ort Zoo mit künstlerischen Ansätzen neu zu denken, finden Sie beim Werkleitz Festival ZOO und im demnächst folgenden Projekt “Kunst für Tiere”.]

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Banjophobie – Harry Manx kann ein Lied davon singen. Er erzählt wie er unlängst sein Auto mit einem Banjo drin parkte und für einige Minuten in einer Shopping-Mall verschwand. Als er zurückkam war eine Scheibe des Autos eingeschlagen. Beim Blick auf den Rücksitz stellte Manx fest, dass sich nicht mehr nur  e i n  Banjo im Auto befand, sondern gleich sechs. Das Banjo als “no go”? Mittwoch Nacht in St. John´s, Neufundland, Kanada wird das metallisch-schnarrende Instrument von Harry Manx jedenfalls zur Eröffnung des Jazz-Festivals wie wild bejubelt.

Fragen Sie hingegen einen Dudelsackspieler, wie er mit dem wundersamen Exotik-Status seines Instruments oder – wie Manx sagen würde – der Bagpipophobie zurechtkommt, dürfte das kaum Verlegenheit hervorrufen. Denn die Zahl derjenigen, die von den unendlichen Melodiefäden begeistert sind, ist mindestens eben so groß, wie der Anteil jener, die den Dudelsack zum Nervtöter Nummer 1 küren würden. Für Verunsicherung sorgt höchstens die Frage, was der Dudelsack eigentlich in Neufundland zu suchen hat.

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St. John´s auf Neufundland sei die älteste Stadt Kanadas, so heißt es. Und damit nicht genug. Die Insel war Großbritanniens erste Kolonie. Hier hat sich bis heute Folk Music erhalten, die ihre Wurzeln in Irland und Großbritannien wähnt. Sie wissen schon, gemeint ist diese fröhlich-hüpfende, stimmungsvolle Musik mit Fiddle und Flute. Ebenso gut gelaunt klingt Folk Music in Neufundland. Und das trotz der wesentlich raueren klimatischen Bedingungen.

Zum Beispiel kann der Blick auf den Hafen von St. John´s durch etliche Wetterlagen verhindert werden: Regen, Schnee, Eisregen, tief hängende Wolken, Nebel, dichter Nebel, wirklich dichter Nebel oder alles auf einmal. Ist jedoch die Sicht frei, dann sind mit etwas Glück rießige Eisberge zu sehen, die vor der Küste der Stadt Richtung Süden treiben. Um die schwimmenden Kolosse zu orten, gibt es sogar einen Iceberg-Finder im Internet.

Die Musik wärmt das kühle St. John´s auf. Victoria hat sich Carlos Vives gewünscht. Die Kolumbianerin kam mit 17 nach Neufundland – kaum ein Wort Englisch im Gepäck. Heute arbeitet Sie als Ingenieurin bei einer Ölfirma. Ihre Augen funkeln sanft und ihr Atem wird schneller, wenn Carlos Vives anhebt vom eiskalten Tropfen zu singen: La gota fria.

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Audiovisuelle Reisevorbereitung. Ab 15. Juli erscheinen auf tinya.org Podcast-Baukästen von unterwegs. Das hier ist ein Test-Baukasten mit Material von einer Reise im vergangenen Jahr durch Albanien.

Pferdegespanne sind mit Kisten beladen. Beliefern eifrig Marktstände. Turnschuhe, Tabakballen, Plastikbehälter mit Duschgel, Schrauben, Musik-Cds, Kräuter, Decken, Ohrringe, rohes Fleisch. Der Markt von Korçë ist ab spätestens 10 Uhr übervoll. Verwinkelt in engen Gassen. Unüberschaubar. Lebendig und laut. Wüst türmen sich T-Shirts auf Wühltischen. Rufe. Mittendrin ein Einkaufszentrum. Gefliest und mit gewienerten Scheiben.

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Mitten im historischen Teil der Stadt befindet sich irgendwo neben einstöckigen, aus Mauersteinen geschichteten Häusern das archäologische Museum. Eine Empfehlung laut Reiseführer. Jedoch ist es ganz unmöglich das Gebäude zu finden. Die verwinkelten Straßen und kleinen Gassen lassen sich auf der Karte nicht überblicken. Nehmen überraschende Biegungen und unerwartete Längen. Schilder mit Straßennamen gibt es so gut wie gar nicht. Fast über jede Mauer eines Grundstücks luckt violett farbener Wein hervor. Breitet sein Blätterdach schattenspendend über die kleinen, engen Innenhöfe und Balkons aus. Verschnörkelte, eiserne Balkongeländer, deren Farbe vom Rost gesprengt wird. Schroffe Schieferdächer. Behäbig und dicht bedecken die Gebäude den alten Teil der Stadt.

Durch die Altstadt von Korçë streifen auch Spiegelreflexkameras, Kauderwelsch-Albanisch-Büchlein und Survival-Hosen. Verständlicherweise etwas desorientiert, ob der vielen Eindrücke. Albanien wird nur von wenigen Touristengruppen besucht. Wissbegierige Studienreisende.

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Auf einer Konferenz zur Aufteilung des Balkans, soll Bismarck einst über Albanien geäußert haben, dass das Land lediglich ein geographischer Begriff sei. Die Erfahrung von Ausgrenzung und Nicht-Anerkennung steckt den Menschen in Albanien immer noch in den Knochen. Aber es schützt das Land nicht davor, selbst zu marginalisieren. Am Straßenrand, auf einer kleinen grünen Freifläche, zwischen den Stämmen entlaubter Bäume ist eine Wäscheleine aufgespannt. Darauf Kleidungsstücke. Zwei, drei Haufen mit vollgestopften Tüten liegen ganz in der Nähe. Drei Frauen und ein Kind sitzen im Schneidersitz und reichen einen gelben Plastikbecher Reih um. Dürres Gras unter abgelaufenen Pantoletten. Wackelige Häuser aus Plastikplanen, Holzstangen und Metallteilen. Alles provisorisch. Jeder Zeit bereit weiterzuziehen. Nie habe ich Roma und Albaner zusammenstehen sehen.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wird in einer Bar der Mittagstisch gedeckt. Keöfter, buke und tschovte und ringsrum, im Vorbeigehen, Bryn Christopher:

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Workshop und Konzert mit Dr. Richard Nunns, Auckland, Neuseeland

Der Komponist und Musikethnologe Richard Nunns ist am Montag, 20. Juni 2011, 14:00 und 16:00 Uhr im Großen Seminarraum 471 des Instituts für Musik, Kl. Marktstr. 7 in Halle/Saale zu Gast. Damit bietet sich eine seltene Gelegenheit den Musikethnologen Richard Nunns und sein Lebenswerk kennenzulernen. Richard Nunns widmet sich seit vielen Jahren der Wiederbelebung der Musik der neuseeländischen Maori.

Der außergewöhnliche Musiker hat zusammen mit Hirini Melbourne Musikinstrumente wie das Muschelhorn oder die Doppelflöte Putorino aus den Museen geholt und wieder zum Klingen gebracht. Eine Auswahl seiner Instrumente, die die Klänge von Wind, Wasser und Vögeln heraufbeschwören, stellt er bei seinem einzigen Konzert in Deutschland vor.

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09 Jun, 2011

“Sonic Revolutions”: The sounds of the Tahrir Place

Posted by: Redaktion In: News

The French Journal “Courrier Internationale” has dedicated his most recent issue to the “sonic revolutions” in the globalized world. Outgoing from the recent events in Arab countries and Northern Africa the special issue gives a wide range of examples in which music served as a motor for social and political change.

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15 May, 2011

Tropical Punk: KUMBIA QUEERS auf Tour

Posted by: Redaktion In: News

Geheimtipp trifft es schon ganz gut – eine der abgefahrendsten und sympathisch ungeschliffensten Bands aus Argentinien ist im Juni in Deutschland auf Tour:

06.06.2011, Hamburg (D) , Hafenklang

07.06.2011, Bremen (D) , Spedition

08.06.2011, Bochum (D) , Bahnhof Langendreer

11.06.2011 Köln (D) , Gebäude 9

12.06.2011, Reutlingen (D) , Franz K

15.06.2011, München (D) , Marat

16.06.2011, Wien (A) , Rhiz

17.06.2011, Frankfurt (D) , Ivi

22.06.2011, Halle (D) , Ludwigstraße 37

23.06.2011, Leipzig (D) , WP

24.06.2011, Berlin (D) , Südblock

Sechs Musikerinnen aus Argentinien und Mexiko, von der aktuellen Punkrockszene gelangweilt, beschließen eines Tages in Buenos Aires, etwas ganz anderes zu machen: Cumbia. Was aus einer Bierlaune heraus beginnt, führt im Sommer 2007 zur Gründung der Kumbia Queers.

Sie gehen die Cumbia mal anders an. Sie spielen sie queer. Überkommene Bezeichnungen ignorieren sie, ihren Stil nennen die Frauen “1000 Prozent Tropipunk”. Zunächst wussten sie nicht so genau, wie Cumbia “geht”. Sie probierten herum, die Ideen für das neue Genre sprudelten, und so nahmen sie ihre erste CD in Rekordzeit auf. Auf der CD “Kumbia Nena!” (2007) sind viele Coverversionen in puckerndem Rhythmus zu hören, Titel von Madonna, Nancy Sinatra, The Cure, den Ramones etc. Aus Madonnas “La Isla bonita” wird “La Isla con chicas”, die “Insel voller Mädchen” …

Ihr Mix aus Punk, Cumbia und Queerness ist in Lateinamerika – und weltweit – ziemlich einzigartig. In Argentinien, Chile und Mexiko haben sie bereits ihre feste Fangemeinde. 2010 sind die Kumbia Queers durch Mexiko getourt und haben auf dem größten Festival in Mexiko Stadt, dem “Vive-Latino”, gespielt. Kein Konzertort gleicht dem anderen – sei es der zentrale Platz Zócalo in Mexiko-Stadt, ein Altenheim in Chile oder ein Frauengefängnis in Buenos Aires.

Im Juni stellten die Kumbia Queers auf ihrer ersten Europa-Tournee ihre neue CD vor und infizierten nun auch Europa mit dem Tropi Punk Virus: “La gran estafa del Tropi-Punk”, eine Anlehnung auf Spanisch an “The great Rock’n’Roll Swindle”. Bescheidenheit? Nö. Brauchen sie nicht.

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Die sogenannte Blatnjak-Musik gehört zum Genre der Gauner-Chansons, erzählt voller Koketterie und Lebensfreude von Dieben und Gangsterbräuten. Sie ist im ganzen Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sehr populär … vielleicht auch deshalb, weil sie unter Stalin verboten war und weil sie von Intellektuellen, die zwar auch oft inhaftiert waren, sich aber von den gewöhnlichen Kriminellen abzusetzen pflegten, nicht gemocht wurde:

“Verfasst und interpretiert in Blat, in der Sprache der Diebe, ist es mehr eine Auflehnung gegen ein in geordneten Bahnen verlaufendes Leben als die Huldigung eines kriminellen Akts. Man tut so, als wäre man kriminell, in Wirklichkeit will man seinen Spaß haben. Und wenn eine Spaßbremse in Gestalt eines Stalin, daherkommt, übersiedelt man in den Gulag, lässt sich dort Lieder einfallen, um sie nach der Rückkehr zum Besten zu geben”

Der Musikjournalist Uli Hufen hat sich laut Klappentext seines Buches “Das Regime und die Dandys” vor 15 Jahren auf die Blatnjak – so heißen Russische Gaunerchansons – eingelassen. Mit Radio CORAX sprach er über sein Buch:

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Hufen, Uli. 2010. Das Regime und die Dandys. Russische Gaunerchansons von Lenin bis Putin. Verlag Rogner&Bernhard. (328 Seiten, 19.90 Euro)

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31 Mar, 2011

Wie Taiwan China musikalisch erobert

Posted by: Christina Fellenberg In: Reviews

Marc L. Moskowitz: Cries of Joy, Songs of Sorrow. Chinese Pop Music and Its Cultural Connotations. Honolulu: University of Hawai’i Press. 2010. 165 S.

Mark Moskowitz, Anthropologe an der University of South Carolina, beschäftigt sich hier fundiert mit Mandarin-Popmusik (Mandopop) aus Taiwan. Genderspezifische Erfahrungen und ihre Widerspiegelung im Mandopop, das Oszillieren zwischen Transnationalem und Lokalem sowie politische Implikationen des Mandopop bilden die Schwerpunkte dieses Buches.

Interessanterweise ist der taiwanesische Mandopop in China beliebter als alle in der Volksrepublik produzierten Genres zusammen und besitzt einen sehr hohen Marktanteil. Aufgrund dieser Tatsache bezeichnet Mark Moskowitz das Phänomen als “Taiwan’s musical counter-invasion of China” (2), was durch den historischen Konflikt zwischen Taiwan und China noch an Bedeutung gewinnt. Im ersten Kapitel werden Prozesse der Musikindustrie und gängige Termini sowie ihre Anwendungskontexte analysiert. So verwenden Forscher aus der VR China beispielsweise eher Begriffe, die eine Abgrenzung zur Musik der Anderen impliziert. Die folgenden Kapitel liefern den historischen Hintergrund für Entwicklung und Erfolg des Mandopop.

Einen wesentlichen Bestandteil des Buches bilden Text-, Bilder- und Videoanalysen zahlreicher Songs und Künstler. Dass semantische Felder wie Einsamkeit, Isolation und Anomie gehäuft auftauchen und zur Beliebtheit in China beitragen, hängt wahrscheinlich mit der Unmöglichkeit zusammen, solche Themen direkt anzusprechen, da die nationale Harmonie Vorrang vor individuellen Befindlichkeiten hat.

In den nächsten beiden Kapiteln geht es um die Konstruktionen weiblicher und männlicher Identitäten. Interessant ist, dass Weiblichkeit gleichzeitig mit Modernität assoziiert wird, indem Frauen zum Ideal des modernen (i. S. von emotional, transnational, kosmopolitisch) Chinesen werden. Moskowitz spricht sogar von einer „gendered revolution“ (29), da sowohl Frauen als auch Männer sich damit identifizieren können. Mandopop hat somit neue Genderrollen in die Volksrepublik gebracht und neue Wege, Individualität auszudrücken, die staatlichen oder konfuzianischen Werten entgegenstehen. Darüber hinaus stellt Moskowitz die über Musik transportierten Männlichkeitskonzepte aus der VR China und Taiwan einander gegenüber.

Am Ende des Buches findet eine Auseinandersetzung mit den Kritiken am Mandopop statt, die sowohl von der chinesischen Regierung, als auch von taiwanesischer Seite kommen, aber auch von westlichen Musikwissenschaftlern, die eine generell ablehnende Haltung gegenüber Popmusik einnehmen. “By lumping all Mandopop in one category, English-language critiques reify the image of the Asian other as nameless, faceless clones” (110).

Im Anhang findet sich ein kurzes, aber hilfreiches Glossar und eine umfangreiche Discographie. Die Arbeit beruht zu einem großen Teil auf einer Feldforschung in Shanghai und Taipei. Direkte Statements der Interviewpartner werden sehr gut kontextualisiert (Alter, Beruf, etc.) und kommentiert – eine anspruchsvolle Aufgabe für postmoderne Ethnographen, bedenkt man die postulierte Transparenz der Darstellung von Alterität.  Moskowitz gelingt es jedoch mühelos, unterschiedliche emische und etische Sichtweisen entsprechend zu präsentieren. Postkolonialismus, Globalisierung und Gender studies bilden die theoretische Basis der Untersuchung, die letztlich zeigt, wie individuelle und Gruppen-Identitäten über Musik ausgehandelt werden können. Die Lektüre lohnt nicht zuletzt aufgrund des feinen, erzählenden Stils, der dem Leser eine quirlige Straße von Taipei nahezubringen vermag.

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Mit 13 hat Lucia Vargas angefangen, HipHop zu machen. Heute, mit 25 Jahren, spricht sie in ihren Songs Ungerechtigkeiten an und engagiert sich für Jugendliche in sozialen Projekten im Kampf gegen die Gewalt. Wie bei Public Enemy oder der französischen HipHop-Band NTM, ihren musikalischen Vorbildern, sind auch ihre Texte stark politisch.

„Meine Texte […] sind der Raum, den ich habe, um mich wirklich frei zu fühlen. Musik ist für mich Freiheit. Und das, was ich sage und was ich schreibe, ist das, was mich in den drei Minuten eines Stücks zu einem freien Menschen macht.“

In Kolumbien herrschen seit Jahrzehnten erbitterte, blutige Kämpfe zwischen Armee, Guerillaorganisationen und paramilitärischen Verbänden. Für Lucia Vargas stellt HipHop alternatives soziales Handeln dar. Daher gründete sie gemeinsam mit DJ Criminal die Stadtteilinitiative Sur del Cielo, deren Ziel es ist, mit „direkten Aktionen“ Jugendliche aus dem Teufelskreis von Drogen, Gewalt und Krieg herauszuholen. „Anstatt in den Krieg zu ziehen“, sagt sie, „machen wir jetzt Kunst, vor allem HipHop.“ Das rief bereits einige Gegenreaktionen bei rechten paramilitärischen Gruppen hervor, die versuchten, mit Drohbriefen engagierte Rapper einzuschüchtern.

War HipHop in den 80er Jahren zunächst nur in den Randgebieten kolumbianischer Großstädte durch US-Musiker wie MC Hammer u.a. bekannt, so etablierte er sich mit stark sozialkritischen Texten, die vor allem Ungleichheit und Korruption anprangerten, seit den 90ern zu einer eigenständigen Richtung. Dass der kolumbianische HipHop nicht frei von Macho-Allüren ist, schüchtert Lucia Vargas keineswegs ein. „[W]ir Frauen sind mehr als Backgroundsängerinnen. Wir haben viel mehr drauf, unser Leben ist ein einziger Kampf.“

Ihre Stücke zeichnen sich durch mittelschnelle, kraftvolle Beats aus, in die häufig Samples indigener Folkmusic, Tango oder auch klass. Musik eingebunden sind.

Hier zwei Musikvideos:

Ihr Debütalbum La Esencia Viva erscheint beim alternativen Label Difusión Music.

Quelle: taz 26./27.2.2011

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